«Mein Gesicht sieht aus wie früher»
- Lorenz Arni

- 28. März 2024
- 4 Min. Lesezeit
Um einen Tumor zu entfernen, rekonstruierten zwei Ärzte des Kantonsspitals Aarau den Unterkiefer von Stephanie Zihlmann – mit einem Teil des Wadenbeinknochens der Patientin.

Schmerzen hat Stephanie Zihlmann keine, als sie im Mai 2023 wegen einer Routinekontrolle bei ihrem Zahnarzt ist. Dieser stellt fest, dass bei der heute 34-jährigen Aargauerin aus Gränichen der Weisheitszahn in den linken Unterkiefer durchgebrochen ist. Er überweist die gelernte Pflegefachfrau und heutige Berufsschullehrerin an die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Kantonsspitals Aarau (KSA). Dort bekommt die verheiratete Mutter von zwei Kindern nach einem Computertomogramm die Diagnose: Im linken Unterkiefer hat es neben dem falsch gewachsenen Zahn einen walnussgrossen Tumor. Nach der Biopsie atmet sie auf: Der Tumor ist gutartig! Doch Stephanie Zihlmann ist perplex. «Ich bin jung und sportlich, habe immer gesund gelebt, war noch nie krank», geht ihr durch den Kopf.
Der grössere Schock folgt noch. Die Patientin sitzt mit den zuständigen Ärzten zusammen, die am KSA seit Jahren komplexe Gesichtsrekonstruktionen durchführen: Professor Philipp Metzler, 47, Leitender Arzt Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, und PD Dr. med. Holger Klein, 42, Leitender Arzt Plastische Chirurgie und Handchirurgie, erläutern ihr das Ausmass der Behandlung. In einer aufwendigen Operation müssen ihr ein grosser Teil des linken Unterkiefers wie auch die entsprechenden Zähne entfernt und der Kiefer durch einen Teil ihres linken Wadenbeins rekonstruiert werden. Stephanie Zihlmann, leidenschaftliche Volleyballspielerin, erinnert sich: «Mein Hauptproblem war, dass mir das Wadenbein weggenommen wird und ich nicht wusste, ob ich danach sportlich noch so aktiv sein kann wie vorher.» Noch etwas macht ihr Sorgen: «Ich hatte Angst, dass bei der Operation Gesichtsnerven beschädigt werden und ich nachher Lähmungserscheinungen im Gesicht habe.»
Die Operation bedingt intensive Vorbereitung. Mit digitaler Planung legt Professor Metzler das Ausmass des zu entfernenden Kieferknochens und des linken Wadenbeinknochens fest – durch 3-D-Modelle und Schnittschablonen lässt sich diese dann in den Operationssaal übertragen.
Im Juni 2023 findet der chirurgische Eingriff statt mit einem zwölfköpfigen interdisziplinären Team. Während Professor Metzler den Unterkiefer samt Tumor entfernt, schneidet Doktor Klein am linken Wadenbein das benötigte 16 Zentimeter lange Knochenteil zurecht: Mit diesem rekonstruieren die beiden Chirurgen anschliessend den Unterkiefer, fixieren die Knochen mit drei Titanplatten. Die Blutversorgung des transplantierten Knochenstücks wird durch den Anschluss der Gefässe an die Halsschlagader sichergestellt – sonst würde das Transplantat nicht überleben. Da der für die Sensibilität der Unterlippe zuständige Unterkiefernerv durch den Tumor verläuft, muss auch dieser Nerv entfernt und durch einen ersetzt werden, der dem freigelegten Unterschenkel entnommen wird. Das dem Wadenbein entnommene Knochenstück wird nicht ersetzt. Doktor Klein: «Das Schienbein trägt das Körpergewicht eines Menschen ohne Probleme.» Acht Stunden dauert die erfolgreiche Operation. «Eine Meisterleistung», sagt Stephanie Zihlmann.
Eine Woche bleibt die Patientin noch im KSA. Ihre linke Gesichtshälfte ist in den ersten Tagen stark geschwollen. «Es war schlimm! Ich konnte den Mund fast nicht öffnen, durfte nur flüssige Kost zu mir nehmen.» Nach einer festgelegten Zeit, auch zu Hause, kann sie dann Püriertes essen. In der Unterlippe und im Kinn spürt Stephanie Zihlmann nichts. «Anfangs war das komisch. Beim Essen hatte ich den Spiegel vor mir. Die Nahrungsaufnahme war mir unangenehm, ich verlor viel Gewicht. Heute kaue ich halt nur mit der rechten Seite meines Gebisses.»

Die ersten zwei Wochen nach der Operation braucht Stephanie Zihlmann Gehhilfen, ihr linkes Bein darf sie nur wenig belasten. Ab dann besucht sie zweimal wöchentlich die Physiotherapie, einmal geht sie ins Fitness, macht Stabilisierungsübungen. «Das Training brachte mich rasch wieder auf die Beine.» Drei Monate nach dem Spitalaufenthalt wagt sie sich das erste Mal ins Volleyballtraining – mit Bandage. «Ich war sehr gehemmt, traute meinem Körper noch nicht recht. Es ist komisch, zu wissen, dass ich ohne Wadenbein lebe. Immer wieder gab es schwierige Abende, an denen ich traurig war, weil ich nicht mehr so fit war wie vorher. Mein Mann munterte mich stets auf.» Heute kann die Aargauerin im Volleyballtraining wieder ungehindert und schmerzfrei springen und blocken. «Doch ich bin noch nicht auf meinem früheren Leistungsniveau.»
Die 30 Zentimeter lange Narbe am Unterschenkel stört sie nicht. Diejenige unter dem Kinn, sechs Zentimeter lang, ist kaum sichtbar. Die Menschen, die die Operationsgeschichte kennen, sagen: «Weiss man es nicht, sieht man dir nichts an.» Stephanie Zihlmann ist glücklich und dankbar. «Mein Gesicht sieht aus wie früher. Das Ganze hat mich demütiger gemacht.»
Auch heute kann sie den Mund noch nicht vollständig öffnen, die Lippen und das Kinn spürt sie auf der linken Seite kaum – der Nerv muss sich erst erholen. Vor einigen Wochen hat ihr Professor Metzler eine der drei Titanplatten entfernt. Im Mai wird die Aargauerin ein weiteres Mal im KSA liegen: Dann pflanzt ihr Kieferchirurg Metzler Zahnimplantate ein. Und ein paar Wochen später setzt er auf diese die Kronen. Stephanie Zihlmann: «Dann kann ich endlich wieder auf beiden Seiten richtig beissen.»
CHECK — Gleiches mit Gleichem ersetzen
«Mund, Kiefer und Gesicht sind wichtig für das Zerkleinern und Schlucken von Speisen, fürs Sprechen, für die Mimik und das Aussehen», sagt Professor Philipp Metzler, stellvertretender Chefarzt im Kantonsspital Aarau. Mit KSA-Kollege und PD Dr. med. Holger Klein operiert er jährlich 30 bis 40 Patientinnen und Patienten, deren Gesicht durch Unfälle und Tumore entstellt ist. Doktor Klein: «Unser Ziel ist es, die ursprüngliche Form, Funktion und Ästhetik mit Gewebe von anderen Körperpartien wiederherzustellen – nach dem plastisch-chirurgischen Grundprinzip: Gleiches mit Gleichem ersetzen. So kann den Betroffenen so rasch wie möglich ihre ursprüngliche Lebensqualität zurückgegeben werden.»
Veröffentlicht in der Schweizer Illustrierte am 28. März 2024 von Thomas Kutschera, Fotos: Joseph Khakshouri




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